
Henry erzählt.
Ich muss kurz etwas richtigstellen. Das, was in Kapitel vier steht — diese kleine Postkarten-Erzählung von einem Hund, der ankommt und denkt: „Endlich daheim“ — das ist Marketing. Werbeprospekt. Sonntagsbeilage. Die Wahrheit war anders. Die Wahrheit ist immer anders, hat mir mal ein alter Schäferhund in Zwinger 12 gesagt, aber das ist eine andere Geschichte.
Die Frau vom Naturschutz, die mich brachte — sehr nett, riecht nach Lavendel und Würstchen, ich mochte sie sofort — die führte mich also durch dieses Haus. Küche: angemessen. Schlafzimmer: zu viele Kissen, aber okay. Kinderzimmer: interessant, da liegt ein kleines Wesen, das nach Milch und Babypuder riecht. Garten: anständig. Ich machte meinen Inspektionsrundgang, signalisierte freundliches Interesse, und alle waren erleichtert. „Schau mal, wie ruhig er ist“, sagte der Mann, der später mein Mensch werden sollte. Ja, ich war ruhig. Das war Strategie.
Dann ging die Lavendel-Frau, und der Mann setzte sich auf den Boden, um eine Hundebox zusammenzubauen. Wenn ihr noch nie einen Menschen gesehen habt, der eine Hundebox zusammenbaut: das ist großes Kino. Schrauben in der falschen Reihenfolge, ein Schraubendreher, der einmal in die Ecke fliegt, ein Telefonat mit einer Bedienungsanleitung, die wahrscheinlich aus dem Universum eines anderen Möbelherstellers stammt. Ich saß daneben und beobachtete, weil das einfach sehenswert war. Er hielt das für Bindung. Es war Unterhaltung.
Nach zwei Stunden kam die Frau nach Hause. Sie hatte Erledigungen gemacht, was bei Menschen so heißt, wenn sie Dinge kaufen, die sie nicht brauchen. Der Mann ging zur Haustür, machte sie auf, lächelte. „Hallo Schatz“, sagte er. „Wo ist Henry?“, fragte sie. Und in genau diesem Moment, an dieser Tür, die jetzt offen war, an diesem Haus, das ich inspiziert, aber noch nicht ausgewählt hatte — da öffnete sich mir ein Möglichkeitsfenster.
Ich rannte.
Nicht aus Bosheit. Nur weil draußen war. Und draußen ist immer interessanter als drinnen, das hat mir mal ein älterer Beagle erklärt, und der wusste Bescheid.
Was ich nicht wusste: dass im Dorf gerade Schützenfest war. Falls ihr Schützenfest in der Vorstadt noch nie erlebt habt — das ist Volksmusik aus drei Boxen gleichzeitig, ferner Knall von Schrotgewehren, und das Ganze von einem Bratwurstdunst getragen, der einen das Atmen vergessen lässt. Ich rannte mittendurch.
Hinter mir hörte ich die beiden Menschen. Sie schrien Dinge wie „Henry!“ und „Bitte!“ und „Wo ist denn das Geschirr?!“ Ich blieb am Ende der Straße kurz stehen, drehte mich um, schaute. Sie waren weit weg. Gut. Ich rannte weiter.
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