KAPITEL 6: HOL DIR HILFE

Henry schläft entspannt auf dem Teppich am Fußende des Bettes

So weit Henrys Version. Ich übernehme wieder.

Was Henry in Kapitel fünf nicht erzählt hat, weil Hunde diese Perspektive zum Glück nicht haben: am Abend von Tag zwei saßen meine Frau und ich in der Küche und gestanden uns gegenseitig ein, dass wir unseren sehnlichsten Wunsch eigentlich gerade nicht mehr wünschten. Wir hätten den Hund am liebsten wieder abgegeben. Punkt. Da war kein Drama mehr in der Aussage, eher die nüchterne Buchhaltung von zwei erschöpften Menschen mit einem Baby auf dem Arm und einem Vier-Pfoten-Wesen im Wohnzimmer, das sich überlegte, ob es uns liebt oder hasst, und im Zweifel auf hassen tippte.

Ich rief am nächsten Morgen die Frau vom Naturschutz an. Die Lavendel-Lady, wie Henry sie nennt. Ich erwartete eine vorwurfsvolle Pause am Telefon. Ich erwartete diesen Satz, in dem irgendwo zwischen den Zeilen „Sind Sie eigentlich Volltrottel?“ mitschwingt. Ich bekam etwas anderes. Ich bekam ein „Ich verstehe das. Wenn Sie ihn nicht behalten wollen, hole ich ihn ab. Das ist okay.“

Das war so unaufgeregt freundlich, dass ich kurz nicht wusste, was ich sagen sollte. Wenn Menschen aufhören, dich zu verurteilen, ist es schwieriger, sich selbst zu verurteilen. Wir entschieden uns, ihn zu behalten. Nicht aus Heldentum. Eher aus dem Gefühl heraus, dass wir es uns selber nicht verzeihen würden, wenn wir nach 48 Stunden aufgeben.

Das Problem war damit noch nicht gelöst. Es war nur entschieden.


Ich tat das, was Menschen meiner Generation tun, wenn sie nicht weiterwissen: ich öffnete Google. „Hundetrainer in der Nähe“, „Hund Bindung Anfänger“, „Hund läuft weg was tun“ — ich brachte eine durchaus respektable Recherche-Session zustande, gemessen daran, dass ich seit drei Tagen nicht durchgeschlafen hatte. Ich fand eine Hundetrainerin im Umkreis, die guten Eindruck machte. Schrieb ihr. Sie konnte am nächsten Tag. Mein Glück.

Sie kam. Sie sah Henry. Sie sah uns. Und dann sagte sie etwas, das ich nicht erwartet hatte.

„Der Hund ist ja toll.“

Bitte was?

„Wirklich. Er ist wissbegierig, er reagiert, er ist intelligent, er schaut zu. Ihr habt einen guten Hund. Ihr braucht nur ein paar Bausteine, dann läuft das.“

Ich hätte mich vor Erleichterung auf den Boden setzen können. Drei Tage lang waren wir mit einem Hund unterwegs gewesen, der uns nicht mochte, abhaute und in den Finger biss. Und jetzt kam jemand, sah ihn fünf Minuten, und sagte: alles wird gut.

Wir gingen mit ihr eine Runde spazieren. Sie zeigte uns ein paar Dinge. Kleine Signale, die Henry sofort verstand, weil sie wusste, wie sie sie geben musste und wir bis dahin nicht. Dann setzte sie sich noch mal in unsere Küche, schaute uns an, und gab uns einen Tipp, der unser gesamtes vorab konstruiertes Konzept umstieß.

„Der Hund schläft bei euch im Schlafzimmer.“

Wir schauten uns an. Meine Frau, ich, das Baby auf dem Arm. Bevor Henry gekommen war, hatten wir das natürlich besprochen. Es gab Regeln. Es gab ein Kind, es gab eine Hierarchie, es gab klare Räume. Der Hund schläft im Flur. Maximal. Bestimmte Zimmer sind tabu. Das war uns wichtig, weil uns alle Ratgeber gesagt hatten, dass das wichtig ist.

Jetzt saß da diese ruhige, sachliche Frau und sagte: vergesst das. Lasst ihn ins Schlafzimmer.

Sie erklärte es uns. Henry ist eine Mischung aus spanischem Podenco und Schäferhund. Tierlieb, aber wachsam. Es war eingebaut, dass er die Wohnung bewachen wollte. Wenn er im Flur schlafe, sei er ein Wachhund auf dem Posten. Wenn er bei uns im Schlafzimmer schlafe, sei er Teil des Rudels und müsse nichts mehr bewachen. Bindung statt Pflicht. So ungefähr.

Wir folgten dem Rat. Wir folgten ihm aus Verzweiflung, ehrlich gesagt. Aber er funktionierte. Henry schlief in der ersten Nacht im Schlafzimmer und schnarchte. Ich erinnere mich genau an dieses Geräusch, weil ich vorher nicht wusste, dass Hunde schnarchen können wie ein gemütlicher Onkel an Weihnachten. Meine Frau und ich lagen da, hörten zu, und etwas in unserem Stresslevel rutschte hörbar runter.

Bis heute ist dieser eine Satz — „Der Hund schläft bei euch im Schlafzimmer“ — der Tipp, für den ich am dankbarsten bin.


Der eigentliche Held der nächsten Wochen war übrigens nicht ich, und es war auch nicht die Trainerin. Es war meine Frau.

Sie war in Elternzeit. Babys haben in den ersten Monaten gnädigerweise einige ruhige Stunden am Tag. Diese Stunden verwendete sie nicht, um sich auszuruhen — was ich an ihrer Stelle gemacht hätte, ich gebe es zu — sondern um mit Henry zu arbeiten. Sitz. Platz. Hier. Wartespiele. Kleine Tricks. Wieder und wieder, in dieser ruhigen, geduldigen Art, die ich noch immer bewundere.

Wenn ich heute behaupte, dass wir einen der besterzogenen Hunde im Umkreis haben — und ich behaupte das mit einer gewissen väterlichen Übertreibung — dann ist das ihr Verdienst. Sie hat die Basis gelegt, die wir alle bis heute genießen. Ich bin nur derjenige, der die Befehle wiederholt.


Also, der Rat. Was ich jedem Hundebesitzer am Anfang mitgeben würde, vor allem denen, die zum ersten Mal einen Hund haben:

Erstens: arbeitet mit dem Hund. Erzieht ihn. Das macht euer Leben einfacher und das seine angenehmer. Hunde wollen verstehen, was sie tun sollen — wenn es Regeln gibt, können sie ihnen folgen. Ohne Regeln müssen sie sich welche ausdenken, und ihre Vorschläge sind selten kompatibel mit eurem Mobiliar.

Zweitens: holt euch einen Experten, möglichst früh. Jemanden, der etwas vom Fach versteht. Keinen Scharlatan — und es gibt im Hundebereich erstaunlich viele davon — sondern jemanden mit echter Erfahrung. Notfalls jemanden, der schon mal mit einem schwierigen Hund gearbeitet hat. Wenn ihr die Möglichkeit habt: holt diese Person sich in den ersten Tagen, nicht erst in der dritten Woche, wenn ihr schon am Boden seid.

Drittens, und das ist der wichtigste Punkt: ein Tier ist kein Mensch. Klingt banal. Ist es nicht. Wir alle behandeln Hunde im ersten Moment wie kleine, behaarte Menschen, die nur unsere Sprache nicht sprechen. Sie sind aber keine. Sie haben eine andere Wahrnehmung, andere Beweggründe, eine andere Wertehierarchie. Wer das akzeptiert, verschwendet weniger Energie damit, beleidigt zu sein, wenn der Hund etwas tut, das aus menschlicher Sicht „undankbar“ wäre. Aus Hundesicht ist es nur logisch.

Henry blieb. Und alles wurde besser. Nicht schlagartig, aber stetig.

Davon im nächsten Kapitel.


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